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VPP-PiA Meldungen

Das Thema Praxisweitergabe aus PiA-Sicht - ein politischer Appell an unsere Profession

 Generell gilt für „uns PiAs“ , was für viele Auszubildende zutreffen wird: Wir verstehen uns als Lernende, sammeln Erfahrung und erarbeiten uns ein Repertoire an beruflichen Kompetenzen. Dennoch sind wir in einer besonderen Position, da viele von uns neben der akademischen Grundqualifikation bereits Erfahrungen haben als Psychologen oder Psychologinnen bzw. Pädagogen oder Pädagoginnen in unterschiedlichsten Arbeitsbereichen. Und wir alle haben uns entschieden für eine Qualifikation zum Psychotherapeuten.

In und um Berlin heißt Ausbildung nach dem Psychotherapeutengesetz, zu Beginn 1800 Stunden oder eineinhalb Jahre Praktika zu absolvieren. Wie in anderen Ballungsräumen Deutschlands werden diese eineinhalb Jahre gar nicht oder nur minimal vergütet. Die Entscheidung pro Psychotherapie heißt dann, den eigenen oder gar den Lebensstandard der Familie drastisch zu reduzieren, heißt, sich Geld und Zuversicht zu leihen und spätabends und am Wochenende hinzu zu verdienen. Nicht wenige meiner Kolleginnen und Kollegen haben sehr eindrückliche Erfahrungen gesammelt, was es heißt, zur „Generation Praktikum“ zu gehören, nicht wenige dürfen sich zum Prekariat zählen. Die Entscheidung pro Psychotherapie heißt auch, über drei oder fünf Jahre hinweg jeden Monat mittlere dreistellige Beträge für das Ausbildungsinstitut aufzubringen, zusätzlich zu den regelmäßigen Supervisions-, Selbsterfahrungs- und Lehrtherapiekosten. Ich erinnere mich an den Unglauben, das Kopfschütteln und die Verwunderung, wenn ich der Generation meiner Eltern oder Berufsfremden der eigenen Altersgruppe die Situation der PiAs schilderte.
 
Nach meiner Erfahrung bereuen die wenigsten ihre Entscheidung pro Psychotherapie, für viele ist es ein faszinierender, kreativer, sinngebender und sehr wichtiger Beruf. Recht so! So sind die obigen Zeilen zur Ausbildungssituation nicht als Lamento des Nachwuchses gedacht, sondern um Ihnen, verehrter Leser, verehrte Leserin, das Verständnis zu erleichtern: Warum sind viele PiAs auch zum Ende ihrer Ausbildung frustriert, empört, enttäuscht und wütend, wenn es um Niederlassungsmöglichkeiten geht? Und: Warum ist der Nachwuchs berufspolitisch kaum aktiv?

Es braucht keine große Denkbewegung, um dies zu verstehen. Begeben Sie sich für einen Moment in die Situation eines PiA. Vielleicht haben Sie Familie, Kinder, oder gar ein Hobby, für das es sich zu arbeiten lohnt. Wie fänden Sie es, wenn nach einer massiv unterregulierten und -finanzierten postgradualen Ausbildung die Perspektive heißt: Vielleicht finde ich irgendwie irgendwo ein Schlupfloch, einen korrekten Menschen, der mir seine Zulassung abtritt und eine Bank, die das finanziert? Woher soll ich 30, 40 oder noch mehr Tausender bekommen? Selbst bei Kreditwürdigkeit oder vermögenden Verhältnissen stellten Sie sich dann vielleicht die Frage: Wofür bezahle ich das ganze Geld eigentlich? Für eine Abrechnungserlaubnis, die ich von der KV verliehen bekomme?

Genug des Rollenspiels; ich möchte an dieser Stelle nicht argumentieren für und wider welchen Preis, welches Praxiswertermittlungsmodell o.ä. Nur soviel: Wer eine Zulassung verliehen bekommt, kann gerne seine Praxis verkaufen. Ob er von den Geißeln der Bedarfsplanung profitieren möchte, indem er den aus der Verknappung der Behandlerplätze erzwingbaren Wert der Abrechnungserlaubnis vollständig zu seinen Gunsten privatisiert, sei jedem überlassen. Eine Veräußerung von vertragspsychotherapeutisch genutzten Praxen lässt immer die Möglichkeit zu, einen maximalen Verkaufspreis anzustreben.

Doch suchen wir die Chancen, die in der Debatte um die Praxisweitergabe stecken und - bleiben wir politisch. Noch immer bin ich überzeugt, dass die große Mehrheit meiner therapeutischen Kolleginnen und Kollegen auch andere Motive umtreibt: Wofür habe ich die letzten Jahre gearbeitet? Warum ist mir Psychotherapie wichtig? Wie erfährt das, wofür ich viele Jahre meines Lebens investiert habe, ein Weiterbestehen und Fortkommen? Wer ambulanter vertragspsychotherapeutischer Tätigkeit einen über die eigene materielle Reproduktion hinausgehenden Zweck zugesteht, wer neben individueller psychischer Gesundung in seiner Arbeit eine politische Dimension sieht, steht irgendwann vor der Frage: Wie kann ich meine Werte weitergeben?

Bei der Weitergabe dieser Werte geht es eben nicht nur um Praxisräume und Abrechnungsziffern. Ich wünsche uns als Profession, dass grundlegende Prinzipien unserer beruflichen Tätigkeit und Prinzipien eines demokratischen Gemeinwesens Anwendung finden, etwa Gleichberechtigung, kompromissbereiter Interessenausgleich und Orientierung an überindividuellen Gemeinwerten. Stellen wir als Profession an uns selbst die Anforderung, eine „Kultur der Übergabe“ (wie es jüngst der Berliner Kammervorstand formulierte) zu schaffen! Befreien wir diese unsere Kultur von der Idee, dass Profit individuell sein muss! Überlassen wir den Gewinn denen, für die wir gemeinsam gearbeitet haben bzw. arbeiten wollen: den Klientinnen und Klienten. Dies wäre ein Zeichen von Solidarität, übergreifend über Generationen von Therapeuten wie über die Grenzen von Therapeuten und Klienten hinweg. Letztere sind diejenigen, die von einer Kultur der Übergabe am meisten profitierten!

Zudem können wir als Psychotherapeutenschaft im Gesundheitssystem beispielgebend werden. Wir haben die Chance vorzuleben: Die Psychotherapeuten erarbeiten praktische Modelle der Praxisweitergabe zum Wohle ihrer Patienten und stellen ihren Eigennutz hintan. Dies wäre ein wirkliches Zeichen im kostendominierten Diskurs der Gesundheitspolitik und ein selbstbewusstes Ausrufezeichen hinter dem Anspruch, psychische Gesundheit eben nicht nur als Ware zu vermarkten. Bei allen materiellen Bedürfnissen: Der Kostendruck und die Effizienzorientierung, die wir als Dienstleister im Gesundheitssystem haben, sollte nicht unsere Kultur als Profession auffressen. Nur weil es möglich ist, muss der Eigennutz bei der Praxisweitergabe nicht im Vordergrund stehen. Denn der nimmt immer auch den Nachteil des Nächsten billigend in Kauf. Das kann unsere Profession besser!

Für die nächsten Monate der inhaltlich-thematischen Arbeit am Thema Praxisweitergabe sehe ich die Chance, dass sich Kammern und Verbände um einen Dialog bemühen, dass sie sich als Schnittstellen anbieten zwischen Abgebenden und Suchenden, dass Angebote geschaffen werden, die auch jene ansprechen, die sich nicht sonderlich politisch fühlen und dass so schließlich die Gefahr reduziert wird, dass Zulassungen verfallen oder nur minimal genutzt werden. Dies bedeutet konkret, Informationen um Praxisweitergabe, Jobsharing und Teilzulassungen so aufzubereiten und zu streuen, dass sie bei den verschiedenen Adressaten ankommen. Dies kann auch bedeuten, den direkten Kontakt zwischen den Generationen attraktiv zu gestalten. Viele PiAs würden sich wünschen, in einen Dialog zu treten, der transparent ist und konsensfähigen Kriterien folgt.

Schlussendlich bin ich überzeugt, dass eine Erfahrung fairer Praxisnachfolge viele derjenigen, die in den nächsten Jahren und Jahrzehnten die Profession bilden, dazu ermutigen und verpflichten wird, für die Interessen des Berufsstandes ebenso wie der unserer Klientinnen und Klienten aktiv Verantwortung zu übernehmen. Viele könnten so eine grundlegende Erfahrung mit in ihr berufspolitisches Engagement einbringen: Ich werde ernst genommen, ich soll gestalten und ich kann gestalten! Wem sollte man das nicht wünschen?

 


Jens Hendrik Maier

Der Autor befindet sich in Ausbildung zum Psychologischen Psychotherapeuten an der Berliner Fortbildungsakademie (BFA). Er ist berufspolitisch engagiert als kooptiertes Vorstandsmitglied des Landesfachverbands Berlin des VPP im BDP sowie als stellvertretender Sprecher der Psychotherapeuten in Ausbildung in der Berliner Psychotherapeutenkammer.