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VPP-PiA Meldungen

Zur Umsetzung der „praktischen Tätigkeit“ in deutschen Psychiatrien - Ein PiA (Psychotherapeut in Ausbildung) berichtet über die Probleme

Das Forschungsgutachten des Bundesministeriums für Gesundheit zur Psychotherapieausbildung, das im Mai letzten Jahres veröffentlicht wurde, weist auf ein Problemfeld und das „Nadelöhr“ in der heutigen Psychotherapieausbildung hin: Die praktische Tätigkeit. In der praktischen Tätigkeit sollen PiAs „praktische Erfahrungen in der Behandlung von Störungen mit Krankheitswert“ sammeln. Examinierte Diplom-Psychologen arbeiten – angeblich zu einem reinen Ausbildungszweck – als Praktikanten 18 Monate in Kliniken der Regelversorgung; 12 Monate hiervon sind in der psychiatrischen Versorgung abzuleisten. Während der PiA unentgeltlich in den Kliniken eingesetzt wird, muss er für die anderen Bestandteile der Ausbildung (z.B. die Theorieseminare) an seine staatlich aner-kannte Ausbildungsstätte hohe monatliche Ausbildungsgebühren zahlen.       (Diese belaufen sich im Laufe der gesamten Ausbildung auf 15-20.000 € mit regelmäßigen monatl. Kosten zw. 420- 600 €.)

Während andere Ausbildungsbestandteile – wie die Selbsterfahrung und die praktische Ausbildung (ambulante Therapien unter Supervision gegen Ende der Ausbildung) – in der Befragung der PiAs im Forschungsgutachten sehr positiv gesehen werden, äußern sich diese in Bezug auf die praktische Tätigkeit ablehnend. Und dies ist kein Wunder.

Die praktische Tätigkeit in den Kliniken
Während der praktischen Tätigkeit ist der bzw. die PiA „unter fachkundiger Anleitung“ an der Diagnostik und Behandlung von Patienten „zu beteiligen.“  (PsychThG-AprV (Ausbildungs- und Prüfungsordnung); §2 praktische Tätigkeit.)

Neben dem Umstand, dass wir PiAs auch in der Erfüllung des reinen Ausbildungszwecks wertvolle Leistungen für die Kooperationskliniken erbringen, lässt sich eine Tendenz feststellen, dass wir immer häufiger als Ersatz für Planstellen (nach der Psych-PV von 1990) eingesetzt werden – ohne, wie gesagt, eine angemessene Vergütung hierfür zu erhalten. Neben einer möglichen Überforderung entsteht für uns dabei ein weiterer nicht zu unter-schätzender Nachteil: Es fehlt uns ein professioneller Ansprechpartner, der uns fachlich anleiten könnte.

Dieses Vorgehen vonseiten der Klinikleitungen ist unentschuldbar und ein Skandal, da es den Ausbildungszwecken diametral entgegengesetzt ist und eine Absage an die Zielsetzungen des Psychotherapeutengesetzes von 1999 sowie der Psychiatrie-Personalverordnung von 1990 für die psychosoziale Versorgung in Deutschland beinhaltet.

Aus einem rein ökonomischen Kalkül mag es verständlich sein: Ein PiA ist ein examinierter Diplom-Psychologe. Nur mit dem Unterschied, dass er sich nach dem Studium noch einmal in einem „Ausbildungsstatus“ befindet. Da denkt sich der Chefarzt nicht selten: Das ist doch wie Weihnachten und Neujahr zusammen. Da greife ich gleich mehrmals zu. Wo gibt es denn so etwas heute noch?

Der Vertrag - Recht auf Anleitung
Um den Ausbildungsstatus zu rechtfertigen, ist aus PiA-Sicht als „Gegenleistung“ vonseiten erfahrener Psychotherapeuten in der Klinik (sofern noch vorhanden) zu erwarten, dass eine sorgfältige Einarbeitung und Anleitung erfolgt. Hierfür müssen zukünftig im Gesetz oder in der Ausbildungs- und Prüfungsordnung klare Maßstäbe gesetzt werden.
Ein ungeklärtes Problem ist weiterhin, dass der oder die PiA im strengen rechtlichen Sinne überhaupt noch nicht dazu berechtigt ist, fachlich die Verantwortung für die Anleitung von psychotherapeutischen Prozessen mit den Patienten zu übernehmen. Was geschieht im Falle von Behandlungsfehlern? Wer steht hinter uns? - Wenn wir PiAs überhaupt eine größere Verantwortung wahrnehmen sollen, so müssten wir unterstützt und an die Aufgabe herangeführt werden. Alles andere ist unvereinbar mit dem rechtlich abhängigen und ungesicherten Status als „Praktikant“.

Im Forschungsgutachten des BMG wird somit deutlich, dass der „Vertrag“, den PiAs mit den Kliniken schließen, häufig nicht eingehalten wird. Dies folgt aus dem grundlegenden Machtungleichgewicht bei der Begründung des Vertragsverhältnisses. Der PiA, der sich in der Klinik bewirbt, möchte seine Ausbildung absolvieren und ist auf einen Arbeits- bzw. Praktikumplatz angewiesen. Die Klinikchefs hingegen haben gerade in Ballungszentren wie Hamburg oder Berlin eine große Auswahl an PiAs, die eine Stelle suchen. (Denn in den Ballungszentren sind die meisten Ausbildungsinstitute ansässig und es besteht hier eine große Nachfrage nach PiA-Stellen.)

Anleitung und Einarbeitung zu erhalten, stellt jedoch eine Anerkennung der Leistungen dar, die man für die Kooperationsklinik erbringt – und PiAs haben ein Recht auf Anleitung und Supervision. Gerade in den Fällen, in denen die Kliniken keinerlei Entgelte zahlen, dürfen PiAs in diesem Punkt sensibel sein: Es gehört sich nicht, PiAs einerseits unentgeltlich als „Praktikanten“ einzustellen und sie dennoch mit der Verantwortung eines fest angestellten Diplom-Psychologen zu betrauen.

Die Kliniken erhöhen häufig gezielt ihren Betreuungsschlüssel durch uns PiAs, um an anderen Stellen sparen zu können – jedoch auch dies ohne, dass wir PiAs daran beteiligt würden. Symptomatisch hierfür ist ein Satz, den der Chefarzt in der Psychiatrie, in der ich angestellt bin, in einer Personaldebatte um neue, dringend notwendige Stellen für Krankenschwestern sagte: Für zehn neue Schwestern könnte die Klinik ja genauso gut 30 neue PiAs einstellen.

Wie man sich zusammenfindet ...
Wir PiAs bleiben häufig unter uns, wir „intervidieren“ uns gegenseitig, wenn es keine Supervision gibt oder schließen Zweckbündnisse mit anderen Professionsgruppen auf der Station (wie Sozialarbeitern, Ergotherapeuten).  Ich selbst habe z.B. eine herzliche Beziehung zu den Schwestern aufgebaut während meiner Psychiatriezeit. Sie sind ja häufig der verlässlichste Teil des unter Fluktuation leidenden Personalkarussells.

Anleitung und Supervision in der Psychotherapieausbildung sind jedoch anders gemeint: Der Gewinn ist ungleich höher, wenn gezielt psychotherapeutisches Handlungswissen durch einen erfahrenen Psychotherapeuten angeregt oder vermittelt wird, wenn man von ihm Tipps für die Gestaltung der psychotherapeutischen Behandlung bekommt und schrittweise in die Behandlung der Patienten eingebunden wird.

 „Ins kalte Wasser werfen“
Gegen die Interessen von uns PiAs wird also an den Ressourcen „Einarbeitung“ und „Anleitung“ gespart – so wie ja eigentlich an allem im heutigen Gesundheitswesen. Die Logik, die einige Chefärzte vertreten, ist, dass man „ins kalte Wasser geworfen“ werden müsse, um dadurch „besser schwimmen zu lernen.“ Dem muss aus PiA-Sicht ganz entschieden entgegengetreten werden: Viele Psychologen haben in früheren Zeiten die Erfahrung machen müssen „ins kalte Wasser“ geworfen worden zu sein. Es ist schon ganz gut, dass es nun das Psychotherapeutengesetz gibt. Zehn Jahre nach dem Inkrafttreten des Gesetzes ist ein solches Denken unzeitgemäß. Die Psychotherapieausbildung soll gerade dafür sorgen, dass wir PiAs schrittweise schwimmen lernen.

Unser Verhältnis zur Institution Psychiatrie
Es ist also kein Wunder, dass mancher PiA seine Ausbildung abbricht. Und all das bei einem sich ankündigenden Nachwuchsmangel im Bereich der Psychotherapie!

Das, was in deutschen Psychiatrien während der praktischen Tätigkeit geschieht, fördert meiner Ansicht nach Prozesse der Entfremdung und zerrüttet unwiderruflich das Verhältnis von uns angehenden Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten zum Arbeitsfeld Psychiatrie und Krankenhaus. Die wenigsten von uns werden wohl zu einem späteren Zeitpunkt gern dorthin zurückkehren.

Um das nachempfinden zu können, können Sie sich einmal fragen, was es mit Ihrer Beziehung zu einem Menschen macht, wenn er Sie wider besseren Wissens einen Vertrag unterzeichnen lässt, von dem sich später herausstellt, dass Sie benachteiligt wurden? – Sie werden Ihren Bekannten in der Zukunft meiden.

Ich glaube, dass PiAs die Erfahrungen der Entwertung und mangelnden Unterstützung während der Psychiatriezeit verinnerlichen und häufig eine ablehnende Haltung gegenüber der Psychiatrie ausbilden. Sie sei „heilfroh“, sagte mir eine PiA, dass sie „da raus“ sei. Nun strebt sie das (vermeintliche) Glück in der ambulanten Versorgung und im Freiberuf als Psychotherapeutin an. Die (Lern-) Erfahrungen in der deutschen Psychiatrie werden deswegen nicht vergessen sein.

Was tun?
Meiner Ansicht nach müssen wir PiAs unser Kompetenzprofil als Diplom-Psychologen und qualifizierte Arbeitskräfte selbstbewusst vertreten und verteidigen. Uns gibt es nicht umsonst! Das Psychotherapeutengesetz ist nun zehn Jahre alt. Die Entwicklungen, die es angestoßen hat, sind in den verschiedenen Bereichen differenziert zu beurteilen. Für uns PiAs, insbesondere während der praktischen Tätigkeit in deutschen Psychiatrien, gilt: Noch einmal zehn Jahre kann es so nicht weiter gehen. Es geht dabei um uns und um unsere Patienten.
Wenn die praktische Tätigkeit nicht sachgemäß nach den Bestimmungen des Gesetzes durchgeführt wird, wenn keine oder zu wenig Anleitung vonseiten der Verantwortlichen erfolgt oder kein Ansprechpartner anzutreffen ist, werden die Vereinbarungen – „der Vertrag“ – nicht eingehalten. Die oder der PiA ist dann nicht mehr im Hauptteil Auszubildende oder Auszubildender, denn der Ausbildungszweck steht in der Tätigkeit nicht im Vordergrund. Im Vordergrund steht in einem solchen Falle vielmehr die erworbene Berufsqualifikation des PiA als diplomierter Psychologe – und es muss eine dementsprechende Bezahlung erfolgen.

Alle PiAs, die Interesse haben, sich zukünftig berufspolitisch zu engagieren, möchten wir einladen, sich mit uns in Kontakt zu setzen.



Dipl.-Psych. Florian Hänke

Ich engagiere mich in der ver.di-PiA-AG sowie in der PiA-Vertretung des VPP im BDP

Die Ansprechpartner in der VPP-PiA-Vertretung erreichen Sie mit dieser mail-Adresse:

pia@vpp.org

Informationen bei ver.di unter: http://gesundheit-soziales.verdi.de/beruf/psychotherapeuten